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„In Daimlers

Wohnzimmer

wissen sich

die Leute zu

benehmen.“

Uwe Knaus ist verantwortlich

für Corporate Blogging & Social

Media Strategy der Daimler AG

in Stuttgart. Der Blog zählt mit

rund 140.000 Page Impressions

und 40.000 Unique Visitors, also

unterschiedlichen Personen, die

den Blog pro Monat besuchen, zu

den erfolgreichsten Unterneh-

mens-Blogs in Deutschland.

Die Verweildauer liegt zwischen

7 und 8,5 Minuten.

Herr Knaus, Sie haben vor

sieben Jahren einen der

mittlerweile erfolgreichsten

deutschen Corporate Blogs

gestartet. Haben Sie immer

noch Spaß daran?

K N A U S :

Ja, sonst würde ich es

nicht mehr machen! Die Themen

ändern sich, es gibt immer

wieder neue Gesprächspartner.

Mittlerweile haben sich auch die

Abstimmungsprozesse deutlich

verkürzt. Im Wesentlichen ent-

scheidet der zuständige Redak-

teur, ob ein Beitrag gebracht wird

oder nicht. Die Kontrollschleife

über Chef und Chef-Chef gibt es

schon lange nicht mehr. Zudem

wissen unsere Mitarbeiter sehr

gut, was sie erzählen dürfen und

was nicht.

Was dürfen Sie denn nicht

erzählen?

Wir sind ein Automobilherstel-

ler und da gibt es in manchen

Bereichen natürlich eine

Verschwiegenheitspflicht. Das

betrifft beispielsweise Pläne zu

Assistenzsystemen, neuen Mobi-

litätskonzepten und Ähnliches.

Allerdings kann man sie schon

vorab auf dem Blog anteasern. So

hat zum Beispiel einige Tage vor

der Präsentation des ersten auto-

nom fahrenden Trucks der Welt,

des Mercedes-Benz Future Truck,

ein Blog-Beitrag auf das Konzept

hingewiesen, aber aus einer ganz

I N T E R V I E W M I T

anderen Sichtweise, nämlich in

Bezug auf Fragen der Sicherheit

und Unfallversicherung.

Der größte Teil der Beiträge im

Daimler-Blog stammt von Ihren

Mitarbeitern – wie hat sich

dieses Modell bewährt?

Grundsätzlich verzichten wir bis

auf die Word-Rechtschreibprü-

fung auf jegliches Lektorat – und

selbst die Grammatik darf mal

falsch sein. Wir animieren unsere

Mitarbeiter dazu, ihre Geschichte

so zu erzählen, wie sie sie einem

guten Freund erzählen würden.

Auf unserem Blog wissen sich die

Leute in der Regel zu benehmen.

Ich habe in meiner ganzen Zeit

als Blog-Verantwortlicher von

mehr als 6.500 Kommentaren nur

10 löschen müssen. In „Daimlers

Wohnzimmer“ – und das ist der

Blog letztlich – wissen sich die

Leute zu benehmen. Die einzige

echte Vorgabe betrifft die Text-

länge – die sollte maximal 800 bis

1.000 Wörter betragen. Längere

Texte werden kaum gelesen.

Dabei ist es nicht so, dass uns

die Mitarbeiter ungefragt mit

Beiträgen zumailen, im Gegenteil.

Nur rund 10 Prozent treten aktiv

mit fertigen Beiträgen an uns

heran, weitere 10 Prozent stellen

eine Anfrage. 80 Prozent der

Beiträge sind von uns initiiert und

angefragt.

Welche Inhalte kamen

bisher am besten an? Mit

welchen haben Sie

Schiffbruch erlitten?

Was von Anfang an besonders

gut gegangen ist, waren Beiträge

in der Kategorie „Einstieg und

Karriere“. Die Leute interessiert

es, wie andere den Einstieg ins

Unternehmen geschafft haben

und wie es dann weiter ging.

Was hingegen weniger gut funk-

tioniert, sind Interviews. Das hat

wohl auch mit dem Blog-Format

zu tun. In diesem Kontext wirken

Interviews bei den Lesern oft

weniger authentisch und „kalt“

geschrieben.

Bloggen bei Ihnen nur „nor-

male“ Mitarbeiter oder auch

Vertreter des mittleren und

oberen Managements?

Der jährlich erscheinende

Edelman Trust Barometer zeigt,

dass es bei Blog-Lesern eine

Hierarchie der Glaubwürdigkeit

gibt. Mitarbeiter werden demnach

als glaubwürdiger rezipiert als

beispielsweise CEOs. Weiter

hinten rangieren das Marketing

und die PR – an oberster Stelle

stehen Experten. Nur in Krisenfäl-

len schreibt der jeweils höchste

Verantwortliche zum betroffenen

Thema. Diese Personen sind in

dem Fall die glaubwürdigsten.

Daimler ist ein riesiger Kon-

zern. Ist ein Blog auch für klei-

nere Unternehmen sinnvoll?

Definitiv! Jedes Unternehmen,

das seine Arbeitgeberattraktivität

steigern und Transparenz in seine

Produkte bringen möchte, kann

einen Blog betreiben. Besonders

Sinn macht es meiner Meinung

nach bei Technologieunterneh-

men oder auch bei klassischen

B2B-Unternehmen.

Ist der Erfolg von Corporate

Blogs monetär bewertbar?

Gegenfrage: Ist der Erfolg

von Messeauftritten monetär

bewertbar? Man sollte Blogs

im Gesamtkontext der Öffent-

lichkeitsarbeit betrachten. Wie

in einem Restaurant verschie-

dene Speisen, leisten in der

Unternehmenskommunikation

verschiedene Instrumente einen

Deckungsbeitrag – die Mischung

macht es aus.

Uwe Knaus,

Daimler AG